Liebe(r) ohne Seitensprung?

Mein Name ist Manfred Hassebrauck. Ich bin Professor für Sozialpsychologie und berate LoveScout24 bei der Weiterentwicklung ihres Angebots. Einmal im Monat berichte ich Ihnen in meiner Kolumne direkt zum Thema Paarbeziehungen.

Was, wenn aus einem harmlosen Fremdflirt des Partners ein Seitensprung wird? Wir gehen der Sache auf den Grund und beleuchten das Thema „Seitensprung“ aus verschiedenen Perspektiven.

Liebe(r) ohne Seitensprung: „Krieg der Spermien“

Gegen Ende des letzten Jahrhunderts machten die Biologen Robin Baker und Mark Bellis eine bemerkenswerte Entdeckung: Die männlichen Spermien, von denen man bis dahin annahm, dass ihre einzige Aufgabe darin bestünde, weibliche Eizellen zu befruchten, bestehen genau gesehen aus zwei unterschiedlichen Typen. Es gibt einmal Spermien, die nichts anderes „wollen“, als zu einer gereiften Eizelle zu gelangen und diese zu befruchten.

Im Samen von Männern haben Baker und Bellis aber noch einen ganz anderen Typus von Spermien gefunden – Kamikaze- oder Killerspermien, deren einzige Aufgabe es ist, Fremdsperma im Vaginaltrakt einer Frau zu töten. Diese Killerspermien sehen schon unter dem Elektronenmikroskop ganz anders aus als die „egg getter“ genannten Befruchter. Die Killer haben Haken an den schwanzähnlichen Verlängerungen, mit denen sie sich zu nahezu undurchdringlichen Verteidigungsringen zusammen schließen können. Diesen Ring können nur die eigenen Befruchter durchdringen. Fremdsperma wird abgehalten – und getötet. Krieg der Spermien nennen das Baker und Bellis.

Wie kommt es zum Seitensprung?

Wovon hängt es ab, ob es zum Seitensprung kommt? Gibt es besonders kritische Phasen in der Beziehung, in denen die Gefahr besonders groß ist? Kann es jede Beziehung treffen oder sind manche besser davor geschützt?
Kritische Phasen im zeitlichen Sinn gibt es nicht. Seitensprünge gibt es Anfang einer Beziehung genau so wie nach vielen Jahren. Mir persönlich ist ein Fall bekannt, bei dem die Braut schon am Tag ihrer Hochzeit fremd gegangen ist. Ausschlaggebend für Seitensprünge ist vielmehr die Zufriedenheit mit der Beziehung. Ist man unzufrieden, steigt die Wahrscheinlichkeit – allerdings nicht bei allen Menschen gleichermaßen. Manche neigen eher zum Fremdgehen, wenn sich eine Gelegenheit ergibt, andere weniger. Affärenorientierung nennen wir das in der Forschung, wobei wir immer wieder feststellen, dass Männer – wen wundert’s – affärenorientierter als Frauen sind. Dass sich trotzdem Männer und Frauen nur unwesentlich in der Häufigkeit von Seitensprüngen unterscheiden, liegt daran, dass eben immer zwei dazu gehören. Männer werden in der Umsetzung ihrer Wünsche von den Frauen gebremst.

Verdächtigungen erzeugen Negativspirale

Manchmal hat man so ein komisches Gefühl und befürchtet, dass der Partner oder der Partnerin untreu gewesen ist. Plötzlich kümmert er sich viel mehr um sein Aussehen, geht ins Fitness-Studio und macht häufiger Überstunden. Leicht entsteht durch diese Verdächtigungen eine negative Spirale. Man spioniert dem Anderen nach, engt ihn oder sie mehr ein oder versucht, die Gelegenheiten zum Fremdgehen zu minimieren. Das bleibt allerdings meist nicht ohne Folgen für einen selbst und die Beziehung.

Verdächtigende Eifersucht (wie man diese Form der Eifersucht im Unterschied zur reaktiven Eifersucht nennt, die die Reaktion auf tatsächliche Untreue ist) macht nicht nur einen selbst unglücklich sondern untergräbt das wechselseitige Vertrauen, das eine ganz wesentliche Basis für eine glückliche Beziehung ist – und kann dadurch letztlich dazu führen, dass der Partner wirklich fremdgeht. Statt Detektiv zu spielen, sollte man einen Verdacht lieber direkt ansprechen. Denn oft erweist er sich als völlig unbegründet.

Das ewige Rätsel: Warum gehen Männer fremd?

Zahlreiche Studien bestätigen, dass sexuelle Unzufriedenheit bei Männern der Fremdgeh-Grund Nr. 1 ist. Einige sind gelangweilt von dem immer gleichen Programm zuhause, andere sind mit dem Sex an sich zufrieden, würden allerdings gerne die Frequenz steigern. Da zieht allerdings nicht jede Partnerin mit. Die vermeintliche Lösung: Fremdgehen.

Auch Männer leiden darunter, wenn sie sich von der eigenen Partnerin nicht mehr begehrt fühlen. Die mangelnde Aufmerksamkeit und Romantik suchen sie dann außerhalb der Beziehung. Andere Männer möchten einfach nur ihren Marktwert testen und sehen, ob sie trotz jahrelanger Beziehung noch Chancen beim anderen Geschlecht haben.

Gelegenheit macht Diebe! Macht Gelegenheit auch Fremdgeher? Männer, die in einer etwas eingeschlafenen Beziehung leben, werden eventuell schneller in Versuchung geführt, wenn eine attraktive Frau ihnen Avancen macht. Dies passiert allerdings nicht aus dem „Nichts“ heraus. Meist haben die Männer schon im Vorfeld über einen Seitensprung nachgedacht und ergreifen die Chance, sobald sich eine passende Gelegenheit dazu ergibt.

Wenn es in der Beziehung aktuell nicht gut läuft und es viel Streit und Meinungsverschiedenheiten gibt, erscheint ein Seitensprung manchen Männern als gute Möglichkeit, um den Problemen in der Beziehung zu entkommen. Ablenkung, Abwechslung und sich endlich wieder begehrt fühlen – diese Aspekte verleiten manche Männer zum Fremdgehen.

Kann denn ein Seitensprung nicht auch positive Effekte haben?

Das meinen vor allem die Seitenspringenden. Der Handelnde sieht die negativen Konsequenzen des eigenen Tuns weniger negativ als der Betroffene, gibt es doch genügende Rechtfertigungen und Erklärungen. Leicht wird dann übersehen, wie verletzt der andere sich fühlt und dass oft auch dessen Selbstwertgefühl leidet (womit übrigens wieder das Risiko steigt, das der Betroffene selbst untreu wird). Auch als harmlos angesehene Seitensprünge stellen eine Belastung für eine Beziehung dar, die nicht von allen Paaren gleichermaßen gut bewältigt werden dann. Nicht zufällig ist daher auch Untreue – entgegen manchmal anders lautenden Mitteilungen in ,der Boulevardpresse – der häufigste Trennungsgrund. Deswegen „Lieber ohne Seitensprung“!

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