Beziehungsmythen

Mein Name ist Manfred Hassebrauck. Ich bin Professor für Sozialpsychologie und berate LoveScout24 bei der Weiterentwicklung ihres Angebots. Einmal im Monat berichte ich Ihnen in meiner Kolumne direkt zum Thema Paarbeziehungen.

Mein Name ist Manfred Hassebrauck. Ich bin Professor für Sozialpsychologie an der Bergischen Universität Wuppertal und berate LoveScout24 bei der Weiterentwicklung des hochwertigen Angebots. Einmal im Monat berichte ich Ihnen in meiner Kolumne direkt über meine Forschungen zum Thema Paarbeziehungen. Spannend, verständlich und anwendbar. Diesen Monat habe ich mich mit diesem Thema beschäftigt: „Beziehungsmythen“.

Haben Sie auch ganz konkrete Vorstellungen davon, was eine gute Liebesbeziehung ausmacht und was letztlich dazu führt, dass eine Beziehung funktioniert oder nicht? Vermutlich ja. Viele Menschen betrachten sich als „Beziehungsexperten“ und meinen, sich in Beziehungsdingen auszukennen, schließlich haben die meisten schon mehrere Beziehungen gehabt. Der Mensch ist gewissermaßen ein Alltagspsychologe und stützt sich auf seine Wahrnehmung und Intuition. Leider ist dieses „Expertenwissen“ in der Regel alles andere als richtig. In meinen Forschungen beobachte ich oft, dass sich Menschen von Beziehungsmythen, von unrealistischen Annahmen über das Funktionieren von Beziehungen leiten lassen. Und dass sie dadurch – leider nicht selten – Probleme mit ihren Beziehungen haben. Die wichtigsten dieser Mythen möchte ich Ihnen nun kurz vorstellen.

Mythos 1: Liebe überwindet alle Hindernisse!
Gerade Frischverliebte glauben, dass Liebe alle Widrigkeiten des Alltags und des Lebens überwindet. Das Problem hierbei ist: Man belastet die Beziehung mit zu hohen Erwartungen. Die „Illusion der Unverwundbarkeit“ lässt sich nicht beliebig lange aufrechterhalten. Sie werden – auch wenn Ihre Liebe noch so groß ist – merken, dass sich nicht alle Probleme in einer Beziehung mit Liebe allein lösen lassen. Wenn zwei sich liebende Menschen völlig unterschiedliche Vorstellungen haben, führt dies früher oder später dennoch zu Problemen und Konflikten in der Beziehung.

Mythos 2: Streit ist destruktiv für eine Beziehung!
Viele vertreten die Annahme, dass Streit die Beziehung kaputt macht und dass dieser dadurch möglichst vermieden werden sollte. Das Problem hierbei ist: In einer Streitvermeidungskultur werden oft auch wichtige und relevante Themen umgangen, was letztendlich dazu führen kann, dass z.B. unerfüllte Bedürfnisse nicht geklärt werden können. Daher: Man muss ich auch streiten können! Menschen sind nun einmal verschieden, sie haben unterschiedliche Interessen und Wünsche. Wichtig ist vielmehr, wie man sich streitet. Es hilft, bei der Sache zu bleiben und sich vor ungerechtfertigten Verallgemeinerungen zu hüten.

Mythos 3: Wenn mein Partner mich richtig liebt, versteht er mich auch ohne Worte!
Der Partner sollte wissen, was einem wichtig ist und Wünsche sollten, nach romantischer Vorstellung, „von den Augen abgelesen“ werden. Man erwartet quasi, dass der Partner oder die Partnerin Gedanken lesen kann. Nur – das kann niemand, und so werden Menschen, die diese unrealistische Erwartung haben, immer wieder enttäuscht. Denn wenn man seine Bedürfnisse und Wünsche nicht formuliert, ist die Gefahr groß, dass dem Partner das Gefühl vermittelt wird, alles sei in Ordnung. Was ist schon dabei, wenn der Partner Ihnen einen Gefallen erweist, nur weil Sie ihn darum gebeten haben? Das zeigt doch nur, dass Sie ihm wichtig sind – verbuchen Sie es als Liebesbeweis.

Mythos 4: Je mehr Sex, desto besser!
Die Häufigkeit von Sex in einer Partnerschaft wird meist in Vergleich gesetzt zu dem, was man als „normal“ erachtet. Und wenn man über dem Durchschnitt liegt, wird dies als Zeichen einer tollen Beziehung gewertet. Das Problem hierbei ist: Man setzt sich unter enormen Leistungsdruck, was wiederum nicht mit Spaß und Genuss vereinbar ist. Oftmals wird das Sexleben der anderen maßlos überschätzt, sowohl in qualitativer als auch in quantitativer Hinsicht. In einer Studie gaben über 13.000 Männern und Frauen anonym Auskunft über ihr Sexleben. Über die Hälfte der Befragten gab an, höchstens einmal pro Woche Sex zu haben. Somit besteht kein Anlass, die Beziehung infrage zu stellen, wenn die Häufigkeit von Sex mit der Zeit nachlässt. Wichtiger ist, dass beider Partner daran interessiert bleiben, dass der Sex genussvoll ist und nicht zur nebensächlichen Routine wird.

Mythos 5: Gegensätze ziehen sich an!
Dass die Beziehung mit einem Partner, der ganz anders ist als man selbst, eine bessere Prognose hat, ist einer der populärsten Irrtümer. Gegensätze können sich tatsächlich anziehen. Das Problem hierbei ist: Diese Anziehungskraft ist von kurzer Dauer und täuscht über die Tatsache hinweg, dass in einer langfristigen Beziehung Ähnlichkeit zu Glück und Zufriedenheit führt. Es gibt in der Forschung keinen ernsthaften Hinweis darauf, dass sich Gegensätzlichkeit positiv auf eine Beziehung auswirkt. Ganz im Gegenteil: Ähnlichkeit verbindet, Menschen mit ähnlichen Einstellungen und Vorlieben haben weniger Interessenskonflikte und mehr Freude an gemeinsamen Unternehmungen. Langfristig zahlt es sich also aus, bei der Wahl eines Partners nach Gemeinsamkeiten zu schauen.

Mythos 6: Partner ändern sich nicht!
„Du warst schon immer so!“ sagen wir oft im Streit und denken dabei „es wird auch in Zukunft nicht besser“. Das stimmt nicht. Die meisten Menschen unterschätzen das Potenzial im Partner, sich verändern zu können. Das Problem hierbei ist: Eine zweite oder dritte Chance wird oft nicht gewährt. Oft wird vom Verhalten eines Menschen auf dessen Persönlichkeit geschlossen, situative Einflüsse werden gern unterschätzt. Wenn jemand beispielsweise unaufmerksam ist, kann dies an der Belastung von außen liegen, mit der er gerade konfrontiert ist, und nicht zwangsläufig an dessen Charakter. Menschen können sich ändern und an sich arbeiten, wenn ihnen das Interesse des Partners am Herzen liegt. Was ins Leere läuft, sind unrealistische Forderungen, die der Partner ohnehin nicht erfüllen kann.

Mythos 7: „The one and only!” Es gibt nur eine Person, die perfekt passt – und die muss man finden!
Der Glaube an „Seelenverwandtschaft“ und die Einzigartigkeit des „Richtigen“ spukt in vielen Köpfen herum. Das Problem hierbei ist: Man fixiert sich auf eine Person und macht das eigene Glück allein von dieser abhängig. Es gibt nicht nur einen Menschen, sondern viele, die passen. Perfekt passt davon aber niemand. Eine Beziehung besteht aus zwei Individuen, die beide aufeinander zugehen und Kompromisse eingehen müssen. Mit manchen scheint dies eine Leichtigkeit, mit anderen schier unmöglich. Aber auch nach vielen enttäuschten Lieben wird die Wahrscheinlichkeit, einen passenden Partner zu finden, nicht geringer.

Wie Sie sehen, sind Beziehungsmythen mit Vorsicht zu genießen. Nicht nur, weil es keine objektiven Belege für solche Annahmen gibt, sondern auch, weil sie nicht selten destruktiv auf die Partnerwahl und die gerade bestehende Partnerschaft wirken. Sie sind daher besser beraten, wenn Sie sich von unrealistischen Annahmen verabschieden und ganz einfach anhand eigener Erfahrungen überprüfen, was Ihnen gut tut, und was eben nicht.