Die Bindung an den Partner

Mein Name ist Manfred Hassebrauck. Ich bin Professor für Sozialpsychologie und berate LoveScout24 bei der Weiterentwicklung ihres Angebots. Einmal im Monat berichte ich Ihnen in meiner Kolumne direkt zum Thema Paarbeziehungen.

Mein Name ist Manfred Hassebrauck. Ich bin Professor für Sozialpsychologie an der Bergischen Universität Wuppertal und berate LoveScout24 bei der Weiterentwicklung des hochwertigen Angebots. Einmal im Monat berichte ich Ihnen in meiner Kolumne direkt über meine Forschungen zum Thema Paarbeziehungen. Spannend, verständlich und anwendbar. Diesen Monat habe ich mich mit diesem Thema beschäftigt: „Die Bindung an den Partner“

Balance zwischen Nähe und Distanz

Paarbeziehungen erfordern eine schwierige Balance zwischen Nähe und Distanz. Zum einen sehnen sich die Meisten nach Nähe, gleichzeitig ist es aber auch wichtig, ein gewisses Maß an Autonomie und Selbständigkeit zu bewahren und sich nicht völlig vom Partner abhängig zu machen. Aber nicht allen Menschen gelingt diese Balance. Manche klammern sich am anderen fest und können keine Sekunde ohne ihn oder sie sein. Sie können gar nicht genug Nähe haben. Andere empfinden emotionale Nähe als unangenehm und es fällt ihnen schwer, dem Partner oder der Partnerin zu vertrauen und sich auf ihn oder sie einzulassen. Verantwortlich dafür können Unterschiede in den Bindungsstilen der jeweiligen Personen sein. Die Bindungsstile sind so etwas wie innere Bilder (die Forschung spricht von Arbeitsmodellen), die wir von uns selbst und von anderen haben.

Erfahrungen aus der Kindheit prägen

Die Ursachen für die unterschiedlichen Bindungsstile liegen in unserer Kindheit. Aus unseren frühen Erfahrungen entwickeln wir eine grundlegende Meinung über uns selbst, über andere und über die soziale Welt im allgemeinen. So lernen wir, wie wir uns verhalten müssen, um eine geliebte Person zu erreichen, und was wir tun müssen, damit sie auf gewünschte Art reagiert. Aus der jeweiligen Reaktion der anderen entsteht ein Bild von der eigenen Liebenswürdigkeit und Kompetenz und auch von die Zuverlässigkeit, Vertrauenswürdigkeit und Fürsorgebereitschaft anderer Menschen. Die Beziehung zu einer engen Bezugsperson in der Kindheit beeinflusst also, wie wir in unserem weiteren Leben mit engen Beziehungen umgehen, ob wir offen und vertrauensvoll oder zurückhaltend und misstrauisch sein werden.

Vier Bindungsstile

Die Forschung unterscheidet vier verschiedene Bindungsstile, je nachdem ob man ein positives oder negatives Bild von sich selbst und zugleich ein positives oder negatives Bild vom anderen hat.

  • Sicher gebundene Personen verfügen über ein positives Selbst- und Fremdbild. Sie empfinden Nähe und Intimität als angenehm, haben gleichzeitig wenig Angst in Bezug auf Trennung und finden in ihrer Partnerschaft Akzeptanz, Einfühlsamkeit und Vertrauen.
  • Gleichgültig-vermeidende Personen verfügen ebenfalls über ein positives Selbstbild, haben aber ein negatives Fremdbild. Sie haben kein besonderes Interesse an engen Beziehungen, sondern fühlen sich auch ohne ganz wohl, wobei sie ihre Freiheit und Selbständigkeit betonen und Nähe eher als unangenehm empfinden.
  • Ängstlich-ambivalente Personen haben ein negatives Selbstbild, jedoch ein positives Fremdbild. Sie fühlen sich hin und her gerissen zwischen der Angst, nicht genug geliebt oder gar verlassen zu werden. Gleichzeitig verspüren sie den starken Wunsch nach Nähe, den der Partner aber nicht so erfüllt, wie sie es wünschen.
  • Ängstlich-vermeidende Personen haben sowohl ein negatives Selbst- als auch ein negatives Fremdbild. Aus Angst vor schlechten Erfahrungen meiden sie enge Beziehungen und misstrauen dabei nicht nur ihrem Partner, sondern auch sich selbst.

Stile sind langfristig stabil
Bindungsstile sind über die Lebensspanne hinweg relativ stabil. Ist das „innere Arbeitsmodell“ in der Kindheit erst einmal angelegt, ist es nicht mehr einfach zu ändern. Neue, gegenteilige Erfahrungen haben es schwer, dagegen anzukommen. Das heißt aber nicht zwangsläufig, einmal unsicher, immer unsicher. Erfahrungen mit Beziehungen können Bindungsstile durchaus verändern. Die erste große Liebe kann uns sehr sicher werden lassen, die erste große Enttäuschung kann uns als ein Häufchen ängstlich-vermeidenden Elends zurücklassen. Es kostet eine Menge Zeit und Kraft, sich davon zu erholen. Steht uns ein guter Freund oder eine gute Freundin bei, mit dem oder der wir durch dick und dünn gehen, kehrt vielleicht allmählich unser Glaube an eine sichere Bindung zurück. Andere bleiben aber auch immer etwas misstrauisch oder gleichgültig, wenn es um Beziehungen geht. Zwar haben ca. 70 Prozent der Erwachsenen nach vier Jahren noch den gleichen Bindungsstil, aber immerhin bei einem Drittel ist im Laufe von vier Jahren eine Veränderung eingetreten. So werden frisch Verheiratete mit den Jahren immer sicherer, frisch Getrennte haben einen auffallend unsicheren Bindungsstil, was nicht so sehr verwundert. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass in der Tat besondere Lebensereignisse den Bindungsstil verändern können, sowohl im Guten als auch im Schlechten.

Sicher Gebundene haben eher erfüllende Beziehungen
Je nach Bindungsstil unterscheiden sich Personen in Merkmalen ihrer Beziehung, ihrer Art zu denken und Informationen zu verarbeiten, in ihren Emotionen und ihren Persönlichkeitseigenschaften. Besonders wichtig ist der Bindungsstil für die Zufriedenheit mit der Beziehung – sicher Gebundene sind zufriedener und ihre Beziehungen sind stabiler.

Wenn Sie wissen wollen, welchen Bindungsstil Sie selbst haben, hilft Ihnen der folgende Test:

Lesen Sie sich die folgenden kurzen Beschreibungen durch. Sie betreffen Ihr Erleben in Partnerschaften und anderen sozialen Kontakten. Welcher der Beschreibungen passt am besten zu Ihnen?

A: Es ist relativ leicht für mich, anderen Menschen emotional nahe zu kommen. Ich fühle mich wohl, wenn ich andere brauche und selbst gebraucht werde. Ich mache mir keine Sorgen darüber, allein zu sein oder nicht akzeptiert zu werden.

B: Ich möchte gern sehr große emotionale Nähe zu anderen haben, aber ich habe oft festgestellt, dass die anderen keine so große Nähe wollen wie ich. Ich fühle mich unwohl ohne enge Beziehungen, aber ich befürchte, dass andere mich nicht so hoch schätzen wie ich sie.

C: Ich fühle mich ein bisschen unwohl, wenn ich anderen sehr nahe komme. Ich wünsche mir gefühlsmäßig enge Beziehungen, aber ich finde es schwierig, anderen vollkommen zu vertrauen oder von anderen abhängig zu sein. Manchmal befürchte ich, verletzt zu werden, wenn ich mir erlaube, zu große Nähe zuzulassen.

D: Ich fühle mich wohl ohne gefühlsmäßig enge Beziehungen. Es ist mir wichtig, mich unabhängig zu fühlen und mir selbst zu genügen. Ich ziehe es vor, niemanden zu brauchen und von niemandem gebraucht zu werden.

Auswertung:
Haben Sie sich für A entschieden, haben Sie einen sicheren Bindungsstil, B steht für einen ängstlich-ambivalenten und C für einen ängstlich-vermeidenden Bindungsstil. Haben Sie sich für D entschieden, gehören Sie zu den gleichgültig-vermeidenden Menschen.