Fernbeziehungen: besser als ihr Ruf

Fernbeziehung? Das klappt doch nie! So das gängige Vorurteil. Trotzdem führt jedes achte Paar in Deutschland eine solche Beziehung auf Distanz. Und Studien zeigen: Zum Scheitern verurteilt ist diese Form der Beziehung auf keinen Fall. Ganz im Gegenteil ...

Fernbeziehungen sind doch sowieso zum Scheitern verurteilt – so lautet häufig die Einschätzung im Freundeskreis. Und trotzdem führt jedes achte Paar in Deutschland eine. Ob aus beruflichen oder privaten Gründen, heutzutage entscheiden sich mehr und mehr Menschen für die Liebe auf Distanz.

Studien zeigen: Zum Scheitern verurteilt ist diese Form der Beziehung auf keinen Fall. Doch wie soll das voneinander getrennte Zusammensein funktionieren?

Bessere Kommunikation

Überraschenderweise haben Fernbeziehungen gegenüber „normalen“ Beziehungen viele Vorteile. Oft sind Fernbeziehungen sogar erfolgreicher, so eine Studie der Forscherin Fanny Jimenez von der Humboldt Universität in Berlin. Sie fand heraus, dass die Kommunikation zwischen Paaren, die eine Fernbeziehung führen, oft besser ist als die von Paaren in einer regulären Beziehung.

Grund hierfür ist die Notwendigkeit für die Paare, einander zuzuhören und viel miteinander zu reden. Oft ist das über längere Abstände der einzige Weg, am Leben des Anderen teilhaben zu können. Das gilt auch für Konflikte in der Beziehung. Der Schweizer Psychologieprofessor Guy Bodemann empfiehlt den Paaren, täglich miteinander zu reden und sich die Erlebnisse des Tages zu erzählen.

Untreue…

… ist laut Jimenez in Fernbeziehungen kein größeres Problem als in Nahbeziehungen. Ganz im Gegenteil: Ihre Studien haben ergeben, dass Paare in Fernbeziehungen seltener fremdgehen. Grund hierfür sind die Idealisierung des Partners und die länger andauernde Verliebtheits-Phase bei Paaren, die eine Fernbeziehung führen.

Soziologe Ulrich Beck vermutet, dass ein weiterer Grund für mehr Treue in Fernbeziehungen die Abwesenheit von Alltagsproblemen ist. Konflikte wegen Kleinigkeiten, wie dem nicht runtergebrachten Müll oder liegengelassenen Klamotten, gibt es in Fernbeziehungen nicht.

Unabhängigkeit ein Plus

Viele Paare, die in einer Fernbeziehung leben, sind ausgeglichener. Fanny Jimenez fand heraus, dass Partner in einer Fernbeziehung eine bessere Balance zwischen ihrer Beziehung und anderen Bereichen ihres Lebens haben. Dadurch, dass man den Partner höchstens an den Wochenenden sieht, hat man unter der Woche mehr Zeit für seinen Freundeskreis, seinen Beruf und seine Freizeit.

Gleichzeitig kann diese Situation aber auch zu Problemen führen. Gerade, wenn man neu in einer Stadt angekommen ist, spielen sich viele Aktivitäten am Wochenende ab. Dadurch, dass diese jedoch dem Partner versprochen sind, verpassen Paare in einer Fernbeziehung viele Ereignisse, die am Wochenende stattfinden.

Die Sache mit der Romantik

Vor mangelnder Romantik warnt Soziologe Ulrich Beck. Dadurch, dass Paare nur die Wochenenden für sich haben, werde meistens alles durchgeplant und abgesprochen. Es fehlt an Spontaneität, was für viele Paare ein Problem darstellt. Doch hier kann mit intensiver Kommunikation Abhilfe geschaffen werden.

Psychologe Bademann hat hierzu einen Tipp: Das gelegentliche Schreiben von Liebesbriefen zeigt dem Partner, dass man sich Zeit für ihn nimmt und an ihn denkt. „Dieser ersetzt zwar nicht den direkten Kontakt, aber er besitzt einen ungleich höheren Wert als ein Anruf oder eine E-Mail“, sagt Bademann.

Die richtige Persönlichkeit

Natürlich gibt es Persönlichkeitstypen, denen es leichter fällt eine Fernbeziehung zu führen. Fanny Jimenez sagt jedoch, es gebe keine „Fernbeziehungspersönlichkeit“. Laut ihrer Studie wachsen Personen, die eher verschlossen sind, in einer Fernbeziehung über sich hinaus und werden offener und konfliktbereiter. Umgekehrt können selbstsichere Partner ängstlicher und besorgter werden als sie es in einer Nahbeziehung wären.

Die andere Seite der Medaille

Natürlich verläuft eine Fernbeziehung nicht immer problemlos. Es gibt auch Aspekte, die negativ ausfallen. So zum Beispiel die emotionale Belastung der Beteiligten, die mit der Zeit immer mehr zunehmen kann. Oft sind die Partner wegen der mangelnden Nähe verstimmt und unkonzentriert. Der Partner hat auch die Aufgabe, als emotionaler Anker zu dienen – und diese kann er laut Jimenez in einer Fernbeziehung nicht immer erfüllen. Das führt zu einer Belastung der Partner und der Beziehung.

Die Gründe für das Scheitern von Fernbeziehungen seien jedoch keine anderen als in Nahbeziehungen, fand Jimenez heraus. Doch es gibt auch Besonderheiten: Oft trennen sich Paare aufgrund der mangelnden Bereitschaft, die Fernbeziehung in eine Nahbeziehung zu verwandeln. Etwa ein Drittel der Paare, die nach einer Fernbeziehung zusammenzogen, trennten sich innerhalb von drei Monaten.