Interview mit Prof. Dr. Hassebrauck

"Neue Liebe, neues Leben" wusste bereits Goethe zu titeln. Aber wie kann man nach dem Scheitern der großen Liebe den "zweiten Frühling" erleben? Ein Interview mit Prof. Hassebrauck über Lernprozesse und Voraussetzungen für den Neuanfang ...

Wer sich nach vielen gemeinsamen Jahren von seiner einstmals großen Liebe trennt oder scheiden lässt, ist heutzutage in guter Gesellschaft. Doch mit der Scheidungsrate sind auch die Aussichten auf einen „zweiten Frühling“ gestiegen. Sozialpsychologe Professor Dr. Manfred Hassebrauck, wissenschaftlicher Berater von LoveScout24, erklärte uns im Interview, wie man diesen Neustart in der Liebe zu einem echten Erfolgsgaranten für eine neue Beziehung ausbaut.

LoveScout24: Auf Hochzeit, Wohneigentum und Nachwuchs folgt heutzutage nicht selten die Scheidung und ein damit verbundener Neuanfang in Sachen Liebe. Ist dieses zweite Partnerschaftsglück überhaupt noch ein Ausnahmefall?

Prof. Dr. Hassebrauck: Auf zwei geschlossene Ehen kommt heute eine Scheidung, und viele langjährige Beziehungen werden beendet, ohne dass sie überhaupt in den Statistiken erscheinen. Insofern ist der Neubeginn nach dem Ende einer Beziehung mittlerweile etwas ganz Normales. Man spricht daher manchmal auch von „serieller Monogamie“ als der Lebensform, die die lebenslange Einehe abgelöst hat.

LoveScout24: Worin liegt der große Unterschied zum „ersten Frühling“? Gibt es andere Ansprüche, Einstellungen, Wünsche gegenüber der neuen Partnerschaft?

Prof. Dr. Hassebrauck: Das was man von einer Beziehung erwartet, hängt auch von dem ab, was man in einer vergangenen Beziehung bereits hatte. Man entwickelt aufgrund vergangener Beziehungserfahrungen einen Maßstab, an dem man neue Beziehungen misst. Ob dieser Maßstab hoch oder niedrig ist, hängt auch davon ab, warum man neu anfängt. Bei Beziehungen, die durch den Tod eines geliebten Menschen enden, ist das ganz anders als bei Beziehungen, die man beendet hat, weil man es einfach mit dem Partner nicht mehr ausgehalten hat.

LoveScout24: Wie kann man vermeiden, Fehler aus dem „ersten Frühling“ zu wiederholen? Welche spezifischen Merkmale zeichnen eine Partnerschaft im zweiten Frühling aus?

Prof. Dr. Hassebrauck: Sorgfältig darüber nachdenken, warum die Beziehung gescheitert ist, erfordert auch eine gewisse Zeit der Reflexion. Von einer Beziehung direkt in die nächste zu schlittern, ist dem Lernen aus Fehlern nicht gerade zuträglich.
Ein ganz wesentlicher Unterschied zum ersten Frühling ist die Existenz eines Ex-Partners. Manchmal fangen Leute eine neue Beziehung an, ohne sich richtig vom vorherigen Partner gelöst zu haben. Auch Sex mit dem Ex ist nicht selten. Das führt natürlich schnell zu Problemen in der neuen Beziehung.

LoveScout24: Worin bestehen die größten Herausforderungen? Worin die größten Chancen?

Prof. Dr. Hassebrauck: Die Chancen eines Neuanfangs liegen darin, dass man Fehler aus der Vergangenheit vermeiden könnte. Meistens funktioniert das Lernen aus den eigenen Fehlern aber nicht so gut, wie es sein könnte. Personen, die gerade eine Trennung hinter sich haben, neigen aus einer Art Selbstschutz heraus dazu, dem Anderen die Verantwortung für Fehler zuzuschreiben. Wenn man sich selbst aber nicht als verantwortlich betrachtet, wird man auch nichts an sich ändern wollen.

LoveScout24: Inwieweit beeinflussen vergangene Beziehungen die neue Partnerschaft?

Prof. Dr. Hassebrauck: Es kommt darauf an, wie lange die vergangene Beziehung bestanden hat, ob es gemeinsame Kinder gibt, wenn ja, wie alt sie sind, ob sie im gleichen Haushalt leben und so weiter. Man muss im Einzelfall die spezifische Lebenssituation berücksichtigen.

LoveScout24: Wie groß ist die Rolle von Online-Plattformen wie LoveScout24 beim zweiten Frühling?

Prof. Dr. Hassebrauck: Für viele Menschen, beispielsweise mit kleinen Kindern, ist ein Neuanfang allein schon deswegen nicht leicht, weil sie nicht mehr so viele Freiheiten und Möglichkeiten haben, jemanden kennen zu lernen. Bei anderen, die im fortgeschrittenen Alter einen Neubeginn wünschen, ist es nicht anders. Online Plattformen eröffnen neue Möglichkeiten des Kennenlernens. Man trifft eine riesige Menge von Gleichgesinnten, und damit steigt die Chance, jemanden zu finden, mit dem man glücklich werden kann.

LoveScout24: Welche Fehler sollten beim „Zweitversuch“ unbedingt vermieden werden, um die neue Beziehung erfolgreich zu machen und nicht zum „Wiederholungstäter“ zu werden?

Prof. Dr. Hassebrauck: Es gibt kein Patentrezept und es hängt natürlich auch davon ab, warum die vorherige Beziehung beendet wurde. Hat man sich auseinander gelebt, hat man eigentlich schon von Anfang nicht zusammen gepasst? Die Forschung zeigt ein eher nüchternes Bild. Menschen scheinen aus Fehlern einer beendeten Beziehung nicht viel Positives zu lernen. Der beste Prädiktor einer Scheidung ist leider, ob man schon einmal geschieden war. Es sieht ganz danach aus, dass der „Lerngewinn“ einer Trennung darin besteht, dass man sie ganz gut übersteht. Dadurch sinkt die Hemmschwelle für eine erneute Trennung. Man sollte nicht der Illusion unterliegen, dass beim zweiten Mal alles besser wird. Für den Erfolg der Beziehung muss man schon etwas tun.